Der Bienenfresser

Letztes Jahr versuchte ich einen Ableger zu machen. Es stellte sich heraus: Der Hochzeitsflug ist für eine Königin durchaus gefährlich…

Es war Anfang Mai, als ich einen Brutableger bildete. Anfänglich entwickelte sich alles nach Plan. Die Bienen produzierten eine Nachschaffungszelle und bei meinem nächsten Besuch konnte ich sehen, dass die Jungkönigin geschlüpft war. Dann passierte nichts mehr. Zwei Wochen später fand ich weder eine Königin, noch frische Brut. Also habe ich eine weitere Brutwabe als Weiselprobe zugehängt. Siehe da: eine neue Nachschaffungszelle wurde gebildet. Hmm, da ist wohl die erste Königin verloren gegangen.

Auch die zweite Königin schlüpfte und dann … wieder nichts. Offenbar ist auch sie nicht vom Hochzeitsflug zurückgekehrt.

Nahaufnahme eines Bienenfressers mit einem erbeuteten Insekt im Schnabel
Mein Dank geht an Herrn Reicher, einen begnadeten Naturphotographen, den Victoria und ich zufällig im Wasserpark in Floridsdorf kennenlernen durften.

Doch halt: da sind doch Eier … aber am falschen Platz - in der Mitte der Zellenwände, nicht am Boden. Das Volk war drohnenbrütig geworden!

Was ist überhaupt Drohnenbrütigkeit?

Wenn ein Volk über längere Zeit keine Königin hat, beginnen einzelne Arbeiterinnen ihre Eierstöcke zu aktivieren. Denn: genetisch sind Arbeiterinnen und Königinnen gleich, der Unterschied ergibt sich vor allem durch die unterschiedliche Ernährung im Larvenstadium. Eine Königin erhält ausschließlich Gelée Royal als Futtersaft, Arbeiterinnen- und Drohnenlarven nur für kurze Zeit, dann folgt ein einfacher Futtersaft. Gelée Royal und einfacher Futtersaft werden von den Ammenbienen produziert, das sind junge Bienen im Alter von 3 bis 12 Tagen. Dieser Unterschied in der Ernährung ist ein bestimmender Faktor dafür, was aus der Larve wird - Arbeiterin oder Königin.

Zurück zu den Drohnenmütterchen - jenen Arbeiterinnen, die ihre Eierstöcke aktivieren: Sie legen Eier, aber da sie nie wie eine Königin auf einem Hochzeitsflug waren, sind diese Eier unbefruchtet. Bei Bienen entstehen aus unbefruchteten Eiern Drohnen, das sind männliche Bienen. Aus befruchteten Eiern entstehen hingegen Arbeiterinnen oder Königinnen. Königinnen können sowohl befruchtete Eier, als auch unbefruchtete Eier legen - sie haben den Samen der Drohnen vom Hochzeitsflug für den Rest ihres Lebens in einem Reservoir (sog. Spermathek) in ihrem Hinterleib gespeichert und können steuern, welche Art von Eiern sie legen.

Drohnen sammeln keinen Pollen und Nektar, und leisten keine Arbeiten im Stock. Stattdessen lassen sie sich füttern, um fit für ihre einzige Aufgabe zu sein: Auszufliegen, eine junge Königin zu finden, diese in der Luft zu begatten, und wenn diese “Luftnummer” erfolgreich war tot vom Himmel zu fallen. Wenn sie nicht erfolgreich waren, fliegen sie heim, lassen sich füttern und fliegen am nächsten Tag wieder aus. Die Tage eines Volkes, das nur Drohnen hervorbringt, sind gezählt - die Arbeiterinnen sterben aus, recht bald kollabiert das Volk. Es ist eine für mich absolut verblüffende evolutionäre Entwicklung, dass ein Volk, das dem Untergang geweiht ist, versucht über diesen letzten Weg der Drohnenbrütigkeit seine Gene weiterzugeben.

Die Sanierung dieses Problems wurde etwas komplizierter: Ich habe das Volk ca. 20m vom Bienenstand entfernt abgekehrt, die flugfähigen Bienen sind zurück zur wieder am ursprünglichen Platz aufgestellten Beute geflogen. Die Drohnenmütterchen sind in aller Regel flugunfähig und finden daher nicht mehr den Weg zurück in die Beute. Das ist beabsichtigt, denn nur wenn die Drohnenmütterchen weg sind, besteht eine Chance, doch noch zu einer Königin zu kommen.

Jetzt eine Wabe mit frischen Eiern aus einem anderen Volk zuzuhängen wäre aber verfrüht gewesen - denn es fehlten die Ammenbienen, die den Futtersaft bilden, den eine zur Königin bestimmte Larve braucht. Also musste zuerst eine Wabe mit Brut, die bald schlüpft in die Beute. Damit waren dann eine Woche später frische Ammenbienen bereit, als ich eine weitere Wabe mit frischen Eiern zuhängte.

Tatsächlich sprang der Motor nochmals an - Nachschaffungszelle, Schlupf, Hochzeitsflug und endlich: frische Eier dort, wo sie sein sollen - am Zellenboden. Mittlerweile war es Ende August, das war auf den letzten Drücker. Denn zu dieser Jahreszeit gibt es kaum mehr Drohnen, so dass das Thema Hochzeitsflug zu einem Speed-Dating mit einer eingeschränkter Auswahl alter Männer verkommt. Dass just dieses Volk sich ein Jahr später zu einem der ertragreichsten Völker entwickelte, ist eines der vielen Wunder, wie man sie mit Bienen erlebt.

Aber was hat das alles mit dem Bienenfresser zu tun?

Nun, der frisst Bienen, und dem Vernehmen nach auch gerne mal Königinnen beim Hochzeitsflug. Ob er es war, der mir zwei Königinnen “abgefangen” hat? Ich werde es nie herausfinden, so wie auch meine Imkerkollegin nicht, die ähnliches bei ihren Ablegern beobachtete. Wenn ich diesen Unsicherheitsfaktor bei der Völkerbildung ausschalten wollte, müsste ich wohl auf künstliche Befruchtung bei den Königinnen umsteigen - das ist mir dann doch etwas zu steil. Da lasse ich lieber der Natur ihren freien Lauf. Und da gehört dann so ein bunter Feschak wie der Bienenfresser dazu.

Ein Bienenfresser sitzt mit einem erbeuteten Insekt im Schnabel auf einem Ast
MIt Dank an Herrn Reicher.