Honigtau - Honig, der nicht von Blüten kommt

Als ich am Bellevue-Bienenstand die erste Zarge dieses Jahres geerntet habe, war ich überrascht: fast reiner Honigtau-Honig - dunkel, kräftig, mit diesem typischen malzig-würzigen Ton. Kein einziger Blütenhonig schmeckt so. Höchste Zeit, einmal aufzuschreiben, was da eigentlich passiert.

Honigtau hat, anders als der Name vermuten lässt, mit Tau nichts zu tun. Er entsteht, wenn Blattläuse, Rindenläuse oder Schildläuse den Pflanzensaft von Bäumen anzapfen - vor allem Fichte, Tanne, aber auch Linde und Eiche. Diese Insekten sind eigentlich nur an den Aminosäuren im Saft interessiert, den Zucker können sie aber nicht vollständig verwerten. Also scheiden sie ihn wieder aus, als klebrig-süßen Tropfen auf Nadeln und Blättern. Genau diese Ausscheidung sammeln meine Bienen und tragen sie als “Honigtau” in den Stock.

Rindenläuse der Gattung Cinara dicht an dicht auf einem Fichtenzweig
Baumläuse der Gattung Cinara von Frank Mikley, Lizenz CC BY 2.5, via Wikimedia Commons

Das erklärt auch, warum Honigtau-Honig so anders schmeckt als Blütenhonig. Er enthält mehr Mineralstoffe, weniger einfache Zucker wie Fruktose und Glukose, dafür mehr komplexe Mehrfachzucker. Das macht ihn dunkler, würziger, oft mit einer leicht malzigen bis harzigen Note. In Deutschland und Österreich bezeichnet man den Honigtau-Honig von Tannen und Fichten auch oft als “Waldhonig”.

Warum ausgerechnet am Bellevue-Bienenstand so viel Honigtau anfällt, hat vermutlich mit der Höhenlage und dem Baumbestand zu tun. Auch auf Luftbildern sieht man, dass hier viel mehr Wälder sind, als bei meinen anderen Bienenständen. Ob es viel Honigtau gibt, hängt von der Anzahl der Läuse und dem Wetter ab - und das ist eine Wissenschaft für sich. Es beginnt bereits im Herbst des Vorjahres, wo die Grundlage für die nächste Frühjahrspopulation gelegt wird, und setzt sich mit der Temperatur-Entwicklung im Frühjahr fort. Zu starke Niederschläge können den Honigtau wegwaschen. Offenbar hat in dieser Saison alles gepasst.